… in eigener Sache.

 

 

Freimaurerei in der Gesellschaft von heute

 

 

Wir wurden und sind Zeuge einer stürmischen Zeit. Im geistigen, technischen, wirtschaftlichen, politischen und sozialen Leben unserer Gesellschaft vollzieht sich eine Umwertung aller Werte. Ein Ende ist noch nicht abzusehen.

Wir erleben große zivilisatorische Veränderungen mit systembedingter Arbeitslosigkeit. Diese Veränderungen werden begleitet durch eine Deformierung der Altersstruktur und Auflösung des Familienverbandes. Mobilität, Medienüberflutung und Wanderbewegungen innerhalb und außerhalb unserer Landesgrenzen sprechen ihre eigene Sprache.

 

Fragen über Fragen

 

Wer will noch gegen den Strom schwimmen, anstatt sich den Verhältnissen anzupassen? Wer weiß heute, was richtig ist oder richtig war, was getan werden muß, um die Verhältnisse zu verbessern? Wo sind die Vorbilder? Wer kümmert sich um die Belange des Gemeinwohls und zwar frei von Machtinteressen? Wer verzichtet aus humanitärer Rücksicht auf die Maximierung des technisch und wirtschaftlich Möglichen? Wir erkennen eine Ellenbogengesellschaft, die nach immer mehr strebt, immer weiter, immer höher strebt. Eine Gesellschaft, die Leistungen nur anerkennt, wenn sie meßbar sind in Punkten, in Geldwert und an der Höhe von Bankkonten. Der „Homo oeconomicus“ hat also das Sagen, der Opportunist mit dem kurzfristigen Konzept, der mit dem geringsten – auch geistigen – Aufwand den größten wirtschaftlichen Erfolg erzielt: der sog. „Erfolgsmensch“. Er wird zum Vorbild hochstilisiert.

 

Damit wir uns richtig verstehen: Natürlich braucht eine Gesellschaft die „Macher“, die „Zugpferde“. Aber wohltuend ist ihre Arbeit doch nur an der Kandare der Humanität. So wird das Verhalten des Individuums durch Orientierungslosigkeit und Vereinsamung bestimmt.

 

Die Sozialgesetzgebung und der wirtschaftliche Wohlstand haben die Sozialstrukturen bis in die Familie hinein verändert. Sie haben den Einzelnen scheinbar mündig gemacht, aber ein noch nie gekanntes Anspruchs- und Versorgungsdenken erzeugt. Heute macht man den Staat für alles verantwortlich, statt sich für sich selbst zu sorgen. Für die Gemeinschaft setzt man sich nicht ein, sondern nimmt sie in Anspruch. Ein neues Schlagwort ist zu vernehmen:

 

Die Entsolidarisierung

 

Die Gesellschaft spaltet sich zunehmend in eine prosperierende Oberschicht und eine wachsende, verarmende Schicht von Sozialhilfeempfängern und Arbeitslosen. Die Staatsverdrossenheit geht um. Drogen und Sekten sollen helfen und werden für mache zu existenziellen Gefahren. Allen gemeinsam ist ein umfassendes Unbehagen.

Man sieht nur die steigende Flut der Probleme, vor denen die meisten ratlos dastehen. Viel möchten aussteigen. Endzeitstimmung? Was sind die Konsequenzen? Hatte der Philosoph Karl Jaspers recht, als er behauptete:

Unsere Welt lebt in der Qual moderner Bodenlosigkeit.“?

 

Das menschliche Problem unseres technischen Massenzeitalters scheint die Anpassung zu sein. Der Mensch kehrt sich aus seinem eigenen „Ich“ ab und flüchtet sich in eine Lebensform, die nur das Kollektiv kennt. Das führt zu einer Vereinsamung des Individuums und ist somit die psychologische Grundlage einer aggressiven Explosion. Wenn diese Entwicklung nicht zu Chaos, Verzweiflung und Flucht aus der Wirklichkeit führen soll, dann muß der Mensch sein Leben wieder in einem befriedigenden Ideensystem zu einer Einheit zusammenschließen. Und dieses Ideensystem, das sich aus der Einsicht in das Wesen des Menschen und seine Beziehungen zur Umwelt gründet, das ist die Humanität. Und diese Humanität hat ihren Sitz auch in der Freimaurerei.

 

Einige Kernaussagen

 

„Humanität“ – das ist das Herz der Freimaurerei, ohne die sie nicht bestehen könnte. Das wird deutlich, wenn wir uns die Frage stellen: Was ist Freimaurerei? Der Name „Freimaurerei“ offenbart: Freiheit in dem Wort „frei“ und Bindung in dem Wort „Maurer“. Ein Freimaurer soll folglich ein Mensch sein, der sich frei macht von jeglichem Fanatismus, jeglicher Dogmatik, jeglichem Zwang. In einem unserer Rituale findet man folgende Sätze, die, gleich Leuchttürme für den Seemann, auch dem Freimaurer die Richtung weisen:

 

Niemals, unter keinerlei Umstand oder Vorwand, werde ich eine Diktatur billigen oder unterstützen, die die Rechte der Menschen mißbraucht.

 

Niemals werde ich mich mit der despotischen Knechtung des Geistes abfinden, die das menschliche Gewissen in Ketten schlägt und ehrliche Zweifel und anständige Gesinnungen zu Verbrechen stempelt.

 

Niemals werde ich die selbstsüchtigen Interessen einer Klasse fördern, noch am höchsten Gut der Menschheit – an der Freiheit – Verrat üben, um persönliche Vorteile zu erringen.“

 

 

Und an einer anderen Stelle. „Des Menschen höchstes Gut ist die Gewissensfreiheit.“ Für uns Freimaurer ist Freiheit nicht die schrankenlose Möglichkeit, eigene Interessen gegenüber anderen Menschen durchzusetzen. Vielmehr verstehen wir unter Freiheit das souveräne Vermögen der Willens- und Wahlfreiheit und des Wertens. Und das kann nur aus dem individuellen Gewissen hervorgehen.

 

Was wir schätzen

 

Wir schätzen den „Menschen der Freiheit“, der menschliche Würde verkörpert. Wir schätzen den Menschen, der sich seiner Entwicklung, seiner Verantwortung für sich, für seine Familie, für die Gemeinschaft bewußt ist. Wir schätzen den Menschen, der sorgfältig prüft, was festgeschriebene und „vorfabrizierte“ Ideologien anbieten. Und zwar auch dann, wenn sie von Mehrheiten und zahlungsstarken Verbänden vertreten werden.

 

Wir schätzen den Menschen, der keinen billigen Parolen, keinen Halbwahrheiten erliegt, der weiß, daß alles seinen Preis hat, daß keinem etwas geschenkt wird. Wir schätzen den Menschen, der nicht auf Wunder hofft, sondern dem Satz vertraut: „Hilf dir selber, dann hilft dir Gott!“

 

Wir schätzen den Menschen, der weiß, daß die Freiheit nur besteht, wenn sie wirkungsvoll mit Redlichkeit, mit Mut und mit Festigkeit vertreten wird.

 

Die Richtschnur für das Handeln des Freimaurers in der Gesellschaft war und ist demnach die „Humanität“. Das ist für uns die Verpflichtung, alles zu tun, was Leben erhält, fördert und schützt und alles zu vermeiden, in Gedanken, Worten und Taten, was Leben einschränkt, verunstaltet oder vernichtet. Diese moralische und geistige Kraft, die rechte Entscheidung zu treffen und zu verantworten, muß geübt werden.

 

Wir Freimaurer üben

 

Das ist der tiefere Sinn unserer Arbeit. Der ganze Mensch, der Fühlende, der Wissende, der erkennende Mensch, übt und versucht sich zu vervollkommnen. Zu solcher Freiheit hält und leitet das Freimaurertum an. Als Instrument der Selbsterziehung setzt die Freimaurerei dabei außer dem Verstand die Initiation ein. So wird Verstand und Gemüt zu einer höheren Einheit verbunden. Die Tatsache, daß man einer Freimaurerloge nicht einfach beitritt, sondern rituell aufgenommen werden muß, ist etwas, was uns von allen anderen Vereinigungen unterscheidet. Das Erlebnis des Rituals ist das, was – neben den gemeinsamen Zielen – die Bruderschaft verbindet. Hier werden den Brüdern immer wieder die Maximen einer verantwortungsvollen Humanität vermittelt.  Die feierliche, aus dem Alltag herausgehobene Form, der besondere Raum, die Handlung und die feierliche Bekleidung wenden sich sowohl an den Verstand als auch an das Unterbewußtsein. Sensible Menschen erfahren hier die neue Seiten ihres Wesens. Sie werden unter Umständen durch das einmalige Erlebnis ihrer Aufnahme für den Rest ihres Lebens geprägt. Deshalb ist es wichtig, daß derjenige, der Freimaurer werden will, die Fähigkeit besitzt, feierlich-rituelle Handlungen als erhebend zu erleben.

 

Menschen mit Herz

 

Mit Menschen, denen jede feierliche Handlung zuwider ist ihr mit Spott und Sarkasmus begegnen, können wir zwar die humanistischen Ziele teilen. In einer Freimaurerloge aber, sind sie fehl am Platz, weil sie nur mit dem Verstand, nicht aber mit dem Gefühl erleben wollen.

 

Wer nichts sucht, dem können wir auch nichts geben! Wir sind aber sicher, daß mehr Menschen suchen, als allgemein angenommen wird. Diesen Menschen wird nicht nur das Ritual viel geben.

 

Auch die gute Atmosphäre in der Loge, „das laute Denken mit dem Freunde“, wird ihnen behagen. Im Ritual, im brüderlichen Gespräch kann man einen festen, geistigen Halt in dieser turbulenten Welt finden. In einer Zeit, wo beinahe alles in Frage gestellt und so gut wie nichts beantwortet wird, gibt dies Ruhe und Frieden. Wer geistige Arbeit nicht scheut, sich gerne mit anderen Menschen austauscht, offen ist für neue Ideen, auch wenn sie von anderen kommen, dem wird die Loge Bauplatz und geistige Heimat.

 

Freimaurer = Gutmenschen?

 

Es mag nunmehr der Verdacht aufkommen, daß ein freimaurerisch geprägter Mensch extrem individualistisch, introvertiert, ja egozentrisch ist. Ein Mensch, der sich selbst und seiner Bruderschaft verpflichtet fühlt. Dieser Eindruck mag sich verstärken, wenn man bedenkt, daß die Logen nicht als nach Macht strebende Vereinigungen auftreten. Sie greifen nicht in wirtschaftliche und soziale Interessenkonflikte ein, nicht in die Auseinandersetzungen um politische, konfessionelle und sonstige Tagesfragen der Gesellschaft und des Staates. Dieses scheinbare Unbeteiligtsein sollte aber nicht täuschen. Die Logen veranlassen ihre Mitglieder nicht, sich nach einem „Ohne-mich-Prinzip“ zu verhalten.

 

Wir distanzieren uns keineswegs von den Problemen unserer sozialen Umwelt. Wir wissen vielmehr, daß das Leben eines Menschen – besonders in der heutigen Zeit – untrennbar mit dem Gedeihen der Familie, der Nation und der Weltgemeinschaft verbunden ist.

 

Der Freimaurer, der sein Freimaurertum ehrlich und ernst auffasst, lebt bewußt als Bürger in der sozialen Umwelt seiner Zeit. Er ist ein aktiv tätiges Mitglied seiner Gesellschaft, seines Volkes, und damit der gesamten Menschheit. Er entscheidet selbst, welche Problem unserer Zeit er für vordringlich hält und wie er dazu beiträgt, sie zu lösen.

 

Gegen Ismen und Ideologien

 

Wir identifizieren uns mit keiner Doktrin oder Ideologie, die meint, die Wahrheit über die zur Lösung der gegenwärtigen Probleme erforderlichen Maßnahmen zu kennen. Die Freimaurerei hat nie eine eigene, verbindliche Weltsicht von ihren Brüdern abgefordert. Diese Haltung ist weder mit Konzeptionslosigkeit noch mit schwankendem Pragmatismus zu verwechseln. Die Freimaurerei versetzt den einzelnen Menschen in die Lage, durch ein geschärftes Gewissen die Vielzahl der Nöte jederzeit zu meistern. Oder – wenn dies seine Kraft übersteigt – sie zu erdulden, so daß er vor sich selbst bestehen kann. Reicht das aber aus? Man kann natürlich einwenden, daß all dies viel zu vage ist und keinerlei praktische Bedeutung hat. Gewiß könnte die Freimaurerei auch konkreter werden und sich für die heute aktuellen Probleme engagieren.

 

Würden wir aber bestimmte Strategien entwickeln oder gar einzelne Lösungen verfechten, dann wären wir nichts anderes als eine neue, eine weitere Partei oder gar Sekte.

 

Mehr Menschlichkeit

 

Unser Ziel besteht vielmehr darin, den eigenen Standpunkt zu schaffen, von dem aus man die Welt und ihre drängenden Fragen sicher und ruhig ins Auge fassen kann.  Das hilft den Maßstab zu finden, mit dem man in der Lage ist, die Vielfalt zu ordnen und jedem Problem seinen Wert und seine Bedeutung für das menschliche Leben zuzumessen.

 

Dies schafft Gelassenheit und die richtige Distanz zu den geistigen und praktischen Problemen, die sich aus einer sich ständig verändernden Umwelt ergeben.

 

Die „Strategie“ der Freimaurerei besteht darin, in jede Ideologie das Sittengesetz schlechthin hineinzutragen. Nicht die Erlangung von Macht ist unser Ziel, sondern die sich aus dem menschlichen Gewissen ausgehenden Denkanstöße zu erkennen und zu befolgen. Freimaurerei will nichts anderes als mehr Menschlichkeit für die Menschheit. Wenn wir, gestärkt durch die im Ritual liegende Weisheit, über ein Problem nachdenken, dann wird das Ergebnis kaum auf der Linie einer Partei oder Ideologie liegen, sondern sich allein aus der Vernunft speisen.

 

Wir bemühen uns, daß die in unserer Gesellschaft Verantwortung tragende Menschen von unseren Idealen, Erkenntnissen und Überzeugungen durchdrungen werden. Wenn Toleranz und Freiheit mit Vernunft gebraucht werden, dann wird der Bau an dem wir bauen, unser „Tempel der Humanität“ gelingen.

 

Was wir wollen

 

Für den ins Kollektiv geflüchteten, aber einsam gewordenen Menschen bietet sich die Freimaurerloge als Ort menschlicher Begegnung an. Und zwar deshalb, weil in ihr Stand, Rasse, Religion und Vorurteile sowie alles, was sonst Menschen zu trennen vermag, überbrückt werden kann. In der Freimaurerei lebt die Kraft der Humanität, die danach verlangt, von ihren Mitgliedern angewandt und verwirklicht zu werden.

 

Gegen die moderne Bodenlosigkeit, gegen die Angst vor dem, was kommen mag, auch die Angst vor dem Scheitern, vor dem Altern, vor dem Sterben, hält die Freimaurerei in ihrem System das Erkennen der großen Zusammenhänge bereit. Sie führt an die ewigen Gesetzmäßigkeiten des menschlichen Lebens heran: Geburt, Wachsen und Werden, Wirken, Leiden und Sterben und die darüber hinaus reichenden Hoffnungen. Wer so aus dieser Tiefe heraus sein Leben in die ihm gegebene Bestimmung einbezieht, wer mit seinem Leben gut fertig wird, an dem können andere Halt finden. Wir Freimaurer sind uns darüber im Klaren, daß wir keineswegs nur danach beurteilt werden, ob Goethe, Lessing oder Mozart einmal in unseren Reihen standen. Vielmehr bedarf es unserer lebendigen Bereitschaft, die Aufgaben, die sich uns stellen, zu sehen und sich ihrer anzunehmen. Tätiges Engagement tut deshalb Not und zwar auf allen Gebieten unseres Lebens.

 

Forderungen an den,

der versucht ein Freimaurer zu sein

 

Somit ergeben sich zwangsläufig Forderungen an den Freimaurer in seiner Eigenschaft als gestaltendes Mitglied der Gesellschaft:

 

-         der Erwerb von Wissen, einschließlich dem Wissen um sich selbst, der Selbsterkenntnis,

-         das Werten nach einer an das Gewissen gebundenen Werteskala,

-         das Wählen unter den anerkannten Möglichkeiten,

-         das Wollen, sowohl persönlich als als auch in Gemeinschaften, und

-         das Weisen im Sinne von Richtungsweisen und Unterweisen mit dem Ziel,

 

den gleichen Kreislauf in den Menschen um uns herum und in unserer Nachfolge auszulösen.

 

Wie hoch der Wert der Freimaurerei von unserer Umwelt eingestuft wird, hängt aber einzig und allein von dem Verhalten jedes einzelnen Mitglieds ab. Freimaurerei ist eine praktische Angelegenheit, etwas Zupackendes, etwas Gestaltendes. Freimaurer zu sein heißt auch Kämpfer zu sein, Kämpfer für eine menschlichere Welt. Sicher werden wir uns dabei manchen Widerständen gegenübersehen.

Der berühmte Physiker und Schriftsteller Georg Christian Lichtenberg sagte einmal:

 

Es ist unmöglich, die Fackel der Wahrheit durchs Gedränge zu tragen, ohne jemanden den Bart zu versengen.“

 

Anspruch an den Einzelnen

 

Die Freimaurerei ist ein Anspruch an den einzelnen Menschen. Auf das er sich als Mensch für das Ganze einsetzt, um die Bedingungen hier und heute zu gestalten, damit die Welt menschlich bleibt und der Mensch nicht nur noch Objekt einer geistigen oder technischen Barbarei ist.

 

Wer meint, die Freimaurerei sei ein antiquiertes Gebilde aus der Vergangenheit, der irrt. Sie ist eine Vereinigung von Männern, die in der Gegenwart stehen und in der Lage sind, aus ihren alten Idealen Antworten auf die Fragen von heute zu geben.